Was ist Frühgeburt?
Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren wird. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen (gerechnet vom ersten Tag der letzten Regelblutung).
Babys, die weniger als 1.500 Gramm wiegen und meist vor der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, werden als „sehr kleine Frühgeborene“, very low birth-weight infants“ (VLBW) bezeichnet. „Extrem kleine Frühgeborene“, „extremely low birth weight infants“ (ELBW) sind Frühgeborene kleiner als 1000 Gramm. Erfreulicherweise haben sich heute dank hervorragender medizinischer Möglichkeiten die Lebensprognosen auch für diese Kinder in den letzten Jahren erheblich verbessert. Heute gilt in Deutschland laut Empfehlung der Fachgesellschaften die Erreichung der 23. Schwangerschaftswoche als die Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen mit medizinischer Hilfe (http://www.gnpi.de/wir/stellung/extremfrueh.htm).
Wie häufig sind Frühgeburten?
Der Anteil der Frühgeburten, also der Neugeborenen unter 37 Schwangerschaftswochen, liegt in Deutschland laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO bei derzeit ca. 8%, das sind ungefähr 60.000 Kinder pro Jahr. Auf Grund des medizinisch-technischen Fortschritts bei der Neugeborenen-Intensivbehandlung ist die Zahl der überlebenden Frühgeborenen in den letzten Jahren gestiegen.
Neben der verbesserten Versorgung frühgeborener Kinder hat sich die Geburtsmedizin aber auch dahingehend stark entwickelt, dass es immer häufiger gelingt, Frühgeburten zu verhindern, zu verzögern und aktiv in den Reifeprozess des ungeborenen Kindes einzugreifen.
Was für Ursachen für eine Frühgeburtlichkeit gibt es und wie kann man sie verhindern?
Fruchtwasserinfektionen während der Schwangerschaft, die zu vorzeitigen Wehen und evtl. zum Blasensprung führen können, sind häufige Auslöser einer Frühgeburt. Außerdem gibt es spezielle Erkrankungen während der Schwangerschaft, wie das so genannte HELLP-Syndrom, bei dem unter anderem eine mütterliche Leberfunktionsstörung und Bluthochdruck bestehen, die manchmal die Geburtshelfer zu einer vorzeitigen Entbindung zwingen. Des Weiteren ist bei Mehrlingsgeburten, also bei Zwillingen und Drillingen, oft aus kindlichen Gründen, wie z.B. die unzureichende Versorgung eines Kindes oder aus „Platzmangel im Mutterleib“, die Frühgeburtenhäufigkeit deutlich erhöht. Eine Vielzahl anderer Faktoren kann ebenso Auslöser dafür sein, dass die Geburt vor dem errechneten Termin erfolgt. Dazu zählen beispielsweise seelischer Stress, eine unzureichende Versorgung des Kindes durch die Plazenta oder eine Muttermundsschwäche.
In vielen Fällen lässt sich jedoch keine Ursache für die verfrühten Wehen finden.
Ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für das ungeborene und später auch das geborene Kind ist das Rauchen. Auf Zigaretten ganz zu verzichten, ist einer der wichtigsten Schritte, den Schwangere zur Verbesserung ihrer eigenen Gesundheit und der ihres Babys tun können. Aktives Rauchen vor und in der Schwangerschaft, aber auch passives Rauchen in unmittelbarer Umgebung der schwangeren Mutter und später in der Umgebung des Kindes haben einen erheblichen negativen Einfluss auf die Gesundheit des Kindes, insbesondere der Atmungsorgane.
Befragungen zeigen, dass sich das Rauchverhalten zu Beginn der Schwangerschaft in den letzten Jahren nicht verändert hat. Etwa 36% aller Frauen greifen zur Zigarette.
Allerdings bestehen zwischen den Altersgruppen erhebliche Unterschiede. Besorgniserregend ist das Rauchverhalten junger Frauen: Von den Schwangeren, die jünger als 25 Jahre sind, raucht jede zweite in der Frühphase der Schwangerschaft. In dieser Gruppe sind auch auffallend viele starke Raucherinnen.
Wichtig ist es, alle Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit rechtzeitig zu erfassen, was am besten durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen gelingt. Durch das ärztliche Gespräch mit dem Frauenarzt, die körperlichen Befunde, Labor- und Ultraschallergebnisse können bereits viele möglicherweise auftretende Probleme rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Auch außerhalb der Vorsorgeuntersuchungen sind regelmäßige Messungen des Säurewertes in der Scheide durch die werdenden Mütter wichtig. Diese Messung des Säurewertes ist einfach und ungefährlich. Sie wird mit Hilfe speziell beschichteter Handschuhe durchgeführt, die für einen Preis von ca. 50 Euro für 50 Handschuhe in jeder Apotheke erhältlich sind. Ein normaler Säurewert zeigt eine ungestörte Scheidenflora und damit ein niedrigeres Infektionsrisiko an. Die Selbstmessungen des vaginalen Säurewerts können jedoch den regelmäßigen Arztbesuch nicht ersetzen, denn wie bei jeder Messmethode kann es auch hier zu Fehlmessungen kommen.
Risiken und Behandlungsmöglichkeiten bei frühgeborenen Kindern
Die Unreife der Lunge, speziell bei sehr unreifen Frühgeborenen, führt sehr häufig zu Atemproblemen, dem so genannten Atemnotsyndrom oder „respiratory distress syndrome“ (RDS). Dieses beruht zum großen Teil darauf, dass die Lunge noch nicht in der Lage ist, genügende Mengen des Oberflächenfaktors Surfactants zu bilden. Durch einen Mangel an dieser Substanz fallen die Lungenbläschen (Alveolen) zusammen. Sauerstoffmangel und Atemnot sind die Folge. In den zusammengefallenen Alveolen sammelt sich Eiweiß und Gewebsflüssigkeit an.
Zur Behandlung von RDS ist oft eine Intubation mit künstlicher Beatmung notwendig. Über den Beatmungsschlauch kann zusätzlich Surfactant gegeben werden. Zur Vorbeugung dieser Lungenunreife wird der Mutter bei drohender Frühgeburt ein Medikament (Kortison) verabreicht, welches die Lungenreifung beschleunigt.
Trotz dieser Maßnahmen kommt es insbesondere bei sehr kleinen Frühgeborenen durch die Lungenunreife und die maschinelle Beatmung nicht selten zu einer chronischen Lungenerkrankung, die bei längerem Bestehen auch bronchopulmonale Dysplasie (BPD) genannt wird. Die BPD zeigt sich oft dadurch, dass noch über lange Zeit zusätzlich Sauerstoff zugeführt werden muss und eine medikamentöse Therapie, z.B. mit ausschwemmenden Substanzen oder anderen Medikamenten, notwendig wird.
Kurzdauernde Atemstillstände („Apnoen“) und Verlangsamung des Herzschlages („Bradykardien“) treten bei den meisten Frühgeborenen bedingt durch die Unreife der Atemregulationszentren immer wieder während des Krankenhausaufenthalts auf. Sie benötigen je nach Schweregrad eine abgestufte Therapie: von der bloßen Beobachtung bei gelegentlichen Ereignissen bis hin zur medikamentösen Therapie. In aller Regel wächst sich diese Problematik aus, so dass die absolute Mehrzahl der Frühgeborenen zum Zeitpunkt des errechneten Geburtstermins keine Auffälligkeiten mehr zeigt.
Bei Frühgeborenen unter einem Reifealter von 32 Schwangerschaftswochen kann es, begünstigt durch zusätzlichen Sauerstoffmangel, zu Hirnblutungen kommen. Diese stuft man nach ihrem Schweregrad in 4 Kategorien ein. Mit zunehmender kindlicher Unreife nimmt das Blutungsrisiko zu; jedes 20. Frühgeborene unter 32 Schwangerschaftswochen und jedes 4. unter 26 Wochen ist von einer höhergradigen Hirnblutung betroffen. Ursache sind unter anderem die noch sehr unreifen und empfindlichen Blutgefäße, die leicht reißen können.
Blutungen der ersten zwei Schweregrade bleiben meist ohne dauerhafte Folgen. Das ausgetretene Blut wird vom Körper wieder aufgenommen (resorbiert). Höhergradige Hirnblutungen können unter Umständen ernste Folgen haben.
Frühgeborene haben auf Grund der Unreife ihres Immunsystems eine erhöhte Infektanfälligkeit und Probleme bei der Infektüberwindung. Die Fortschritte in der Neugeborenen-Intensivtherapie haben es ermöglicht, die Sterblichkeit der Frühgeborenen mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht erheblich zu senken, aber gerade diese Frühgeborenen haben ein sehr hohes Risiko, an Infektionen zu erkranken. Diese müssen dann gezielt behandelt werden. Es wird empfohlen, besonders bei Infektionen von extrem kleinen Frühgeborenen frühzeitig zu behandeln, um Schädigungen des Gehirns und anderer Organe zu vermeiden. Eine Stabilisierung des Blutdrucks, die Sicherung einer ausreichenden Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und die medikamentöse Unterdrückung von Entzündungsreaktionen sowie die Erregerbekämpfung (z.B. Antibiotika) sind erforderlich. Neben bakteriellen Infektionen sollten aber auch die Virusinfektionen nicht außer Acht gelassen werden; so besteht für die extrem kleinen Frühgeborenen sowohl in der Klinik als auch anschließend zu Hause ein hohes Risiko, an einer Virusinfektion, wie z.B. der RS-Virus-Infektion zu erkranken.
Langfristig müssten Wege gefunden werden, die hohen Infektionsraten bei extrem Frühgeborenen zu senken.
Eine Darmentzündung, die so genannte Nekrotisierende Enterokolitis (NEC), ist bei Frühgeborenen wesentlich häufiger als bei reifgeborenen Kindern. Sie entsteht durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren, bei denen unter anderem die Unreife des Darms und die Überwucherung durch krankheitsverursachende Keime eine entscheidende Rolle spielen. Sie kann bis zum Darmdurchbruch führen.
Es gibt aber auch Herzanomalien, wie z.B. Defekte der Herzscheidewände. Der so genannte Ductus Botalli verbindet vor der Geburt Lungen- und Körperschlagader miteinander und ermöglicht dadurch die Umgehung der noch funktionsunfähigen kindlichen Lunge. Dies ist lebensnotwendig für den kindlichen Gasaustausch im Mutterleib. Wird der Ductus Botalli nach der Geburt nicht verschlossen, so kann es zu Störungen des Blutkreislaufes kommen. Man spricht dann vom „persistierenden Ductus arteriosus Botalli (PDA)“, den man medikamentös oder chirurgisch behandeln muss.
Medizin und Pflege auf der Neugeborenenstation – eine Teamleistung
Kommt ein Kind als sehr unreifes Frühgeborenes zur Welt, wird in der Regel bereits vor der Geburt ein Kinderarzt (möglichst spezialisierter Neonatologe) verständigt, der dann im Kreißsaal mit anwesend ist. Je nach Reifealter wird das Frühgeborene mit den ersten notwendigen medizinischen Dingen versorgt. Anschließend erfolgt der Transport im Bettchen oder bei sehr unreifen Frühchen im Transportinkubator (einem fahrbaren "Brutkasten") auf die Frühgeborenenstation oder auf die Intensivstation.
In den letzten Jahrzehnten wurden in der Neugeborenenmedizin neben dem medizinisch-technischen Fortschritt ganz wesentliche Erfolge im pflegerischen Bereich erzielt. Untersuchungen zeigten, dass ein früher Hautkontakt zwischen dem frühgeborenen Kind und der Mutter oder dem Vater einen positiven Einfluss auf Kreislauffunktionen und die Atmung ausübt. Dies führte zur Einführung der so genannten „Kängurupflege“, bei dem die Frühgeborenen zum Teil noch beatmet einem Elternteil auf den Bauch gelegt werden. Auch im Bereich der Schmerztherapie wurden erhebliche Fortschritte erzielt. So wird bei den häufig nötigen Blutentnahmen gleichzeitig eine hochprozentige Zuckerlösung zu trinken gegeben. Dies führt wie auch das Stillen zu einem deutlich niedrigeren Stressniveau der Frühgeborenen.
Die direkte Umgebung der Frühgeborenen mit ihren Lärm- und Lichteinflüssen wurde in etlichen Untersuchungen als Stressfaktor entdeckt. Daraufhin wurde erfolgreich nach Wegen gesucht, den Geräuschpegel auf der Frühgeborenenintensivstation zu senken. So wurde z.B. durch die Entwicklung leiserer Ventilatoren die Lärmbelastung im Brutkasten herabgesetzt. Auf der anderen Seite hat es sich als sinnvoll herausgestellt, Frühgeborene schon früh gezielt durch positive Reize aus dem Umfeld (z.B. Schnuller) zu stimulieren. Ärzte, Kinderkrankenschwestern, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten können auf diese Weise gemeinsam als Team wesentlich zur Gesundung und Entwicklung der kleinen Patienten beitragen.
Welche Prognose haben Frühgeborene?
Durch die Fortschritte der modernen Geburtshilfe und der Neugeborenen-Intensivmedizin haben sich die Überlebensaussichten von extrem frühgeborenen Kindern dramatisch verbessert. Das Entwicklungsrisiko ist für das einzelne Frühgeborene sehr schwer vorherzusagen, da die Prognose von vielen Faktoren abhängt. Generell ist die Prognose um so besser, je reifer das Kind bei Geburt ist.
Besonders gefährdet sind Frühgeborene, bei denen im Verlauf weitere Komplikationen wie eine Hirnblutung, Hirnschädigungen, Augenschäden, schwere Infektionen oder eine chronische Lungenerkrankung auftreten. Aber auch hier ist eine Vorhersage äußerst schwierig, da Komplikationen von Kind zu Kind unterschiedliche Auswirkungen haben können.
Je größer bzw. reifer die Frühgeborenen bei der Geburt sind, desto größer ist nicht nur die Überlebenschance, sondern auch die Wahrscheinlichkeit der weiteren Entwicklung ohne bleibende Schäden. Ab der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche liegt die Wahrscheinlichkeit des Überlebens derzeit bei über 60% und steigt mit zunehmender Reife schnell an, während vor der 24. Schwangerschaftswoche die Chance bei nur knapp einem Drittel liegt. Dies liegt unter anderem auch an der Unreife der Lunge, da die Bronchien - das sind die Verzweigungen der Luftröhre - erst ab diesem Zeitpunkt Anschluss an die sich bildenden Lungenbläschen gewinnen und so überhaupt erst ein Blutgasaustausch in der Lunge möglich wird.
Durch die Fortschritte in der modernen Neugeborenen-Intensivmedizin überleben immer häufiger Kinder eine erheblich zu frühe Geburt. Dadurch steigt allerdings auch das Risiko von motorischen Störungen oder von Teilleistungsproblemen wie Rechen- oder Leseschwächen. Bei längerer Beatmungsdauer oder bei bestimmten Virusinfektionen ist das Risiko für eine bronchiale Überempfindlichkeit oder ein Bronchialasthma erhöht.
Insgesamt aber haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur die akuten Behandlungsergebnisse deutlich verbessert, sondern ebenfalls die langfristigen Chancen auf eine ungestörte und positive Entwicklung auch sehr unreifer Frühgeborener.


